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Ein Tag mit einem Linken

Ein Mann, ein Dienstwagen

Heute wird in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Da ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Zügen des Wahlkampfs jeder Politiker versucht, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen und sich jede nur mögliche Form der Aufmerksamkeit zu sichern. Und so könnte man vermuten, dass auch diese Reportage der Feder der Presseabteilung eines Parteibüros entsprungen ist, mit dem Versuch, ein gutes Last-Minute-Licht auf den eigenen Spitzenkandidaten zu werfen.

Doch diese Geschichte ist anders. Sie beginnt nicht, wie vielleicht mancher nun glauben mag, vor zwei Wochen in einem deFacto-Redaktionsbüro mit der Presseeinladung der Partei "DIE LINKE", sondern bereits vor einem halben Jahr in der Aula des Lilienthal-Gymnasiums in Berlin.

Es ist ein ganz normaler Schultag im April. Die gesamte Schülerschaft der Oberstufe hat sich im Auditorium der Schule eingefunden und lauscht einem Quintett von Berliner Politikern. Die Fraktionen der fünf etablierten Parteien gehen ein halbes Jahr vor der Wahl am 18. September auf Werbetour an Berliner Bildungseinrichtungen.

Und eigentlich ist alles wie immer: Die FDP erzählt etwas von Steuersenkungen, die Grünen sind gegen Atomkraftwerke und der Vertreter der Linken wettert gegen den ausbeuterischen Kapitalismus. Das erfüllt so viele Klischees, dass ich normalerweise die Köpfe der anwesenden Politiker und deren Themen schnell wieder in mein Unterbewusstsein hätte verschwinden lassen. Doch im Anschluss an die Podiumsdiskussion verhindert eine auffällige Kleinigkeit vor dem Schulgebäude das Abrutschen in die Vergessenheit: Udo Wolf, Vertreter von Mindestlohn und Chancengleichheit, der eben noch gegen Reiche und gegen den Kapitalismus argumentiert hatte, fährt nach dem Verlassen des Schulgebäudes nicht etwa mit einer Pferdekutsche, dem Fahrrad oder einer LPG-Traktorenkolonne zum nächsten Termin, sondern verschwindet in einem schwarz glänzenden Audi A4 mit getönten Scheiben.

"Wie bitte?", wird sich da jetzt so manch einer fragen, "der höchste Vertreter der Berliner Arbeiterklasse und der Unterdrückten fährt ein Fahrzeug, von dessen Anschaffungspreis alleine eine Hartz-IV-Familie mit Mutter, Vater und zwei Kindern über zwei Jahre leben könnte?". Richtig. Auch mich hat diese Vorstellung gestört. Also habe ich Herrn Wolf eine E-Mail geschrieben.

"Sehr geehrter Herr Wolf", fing ich an, "Sie haben heute bei einer Podiumsdiskussion Ihre politischen Ansichten vertreten und u.a. gegen den 'ausbeuterischen Kapitalismus' gewettert. Nach [...] Ende dieser Veranstaltung sind Sie in Ihre hochwertige Audi-Limousine eingestiegen und haben sich von Ihrem Fahrer Richtung Parteibüro oder zur nächsten Werbeveranstaltung fahren lassen", fuhr ich fort. "Nun stellt sich mir die Frage, wie sich gerade DIE LINKE als Arbeiter- und Arbeitslosenpartei solch eine Doppelmoral leisten kann".

Eigentlich hatte ich diese E-Mail nur aus Protest geschrieben. Ich hatte nicht erwartet, dass Udo Wolf tatsächlich antworten würde. Doch schon knapp eine Woche später erhielt ich eine Antwort. "Lieber Simon Engelkes", hieß es da, "ich fand die Podiumsdiskussion an Ihrer Schule auch sehr interessant. Bestimmte Themen lassen sich im Rahmen solcher Veranstaltungen natürlich nur anreißen.
So auch die Frage von Ausbeutung und warum die Linke die Überwindung des Kapitalismus für ein erstrebenswertes Ziel hält.
Da Sie konkret den Dienstwagen ansprachen, der mir auf dem Weg zu vielen Terminen in der Stadt das Büro ersetzt, möchte ich Ihnen gern vorschlagen, mich einen Tag oder einen halben bei meiner Arbeit und damit auch im Dienstwagen zu begleiten, um die Diskussion zu vertiefen".

Dieses Angebot ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Und so entstand diese Reportage, für die ich für einige Stunden meinen Alltag gegen den von Udo Wolf eintauschte, dem Fraktionsvorsitzenden der Berliner Linken.

Die Geschichte dazu lesen Sie hier [www.deFActo.de]